Der Engel und der Schatten


Der Engel und der Schatten


Es gibt Märchen, die sind keine Märchen und Märchen, die eben Märchen sind. Das Märchen oder die Geschichte, spielt sich anfangs siebiziger Jahre ab. Es könnte aber eben so gut gestern oder heute gewesen sein. Auf einem Bauerngut lebt eine junge, schöne Frau. Die Frau hat einen Sohn. Der Sohn ist noch sehr klein. Er lernt erst grad das Lesen und Schreiben. Die schöne Frau hat nicht nur einen Sohn, nein, sie hat auch ein Patenkind. Ein Mädchen. Das Mädchen ist einwenig älter als ihr Sohn. Bereits schon ganz neun Jahre zählt sie. Der Sohn und das Mächen sind wie Geschwister. Das Patenkind ist jede freie Minute auf dem Bauernhof. Heute ist es wieder soweit. Der Sohn kommt dem Mädchen bereits endgegen gelaufen. Hand in Hand spazieren sie zu seiner Mutter. Liebevoll streicht diese den beiden Kindern übers Haar. Es ist so als würden tausend Engel um diese Patin herum fliegen, so liebevoll ist der Anblick der Frau. Doch, neben diesem herrlichen Anblick, bewegt sich auch ein Schatten. Die Kinder toben und tollen draussen in der frischen Luft herrum. Im Bächlein wird ein See gestaut. Rinden dienen als Schiffchen, Blumen sind die Passagiere.

 

So vergehen die Tage. Wieder ist es soweit und das Mädchen tritt fröhlich den Weg zu dem Sohn an. Auf halbem Weg, begegnet sie dem Schatten. Dieser Anblick macht ihr Angst. Doch sie sieht neben dem Schatten auch ein Engel. Der Engel fängt, zur Verwunderung des Mädchens, zu reden an: „ Mein liebes Mädchen, du musst jetzt stark sein. Der Sohn braucht dich jetzt. Der Schatten will dir eine Botschaft überbringen.“ Der Schatten fängt mit tiefer Stimme an zu reden: „Was der Engel sagt ist wahr. Auf dem Bauernhof wird dich eine traurige Nachricht erwarten. Deine Patin ist sehr krank und ich muss sie jetzt holen. Ihr Körper hat keine Kraft mehr um auf dieser Welt zu leben.“ Der Engel umarmt das Mädchen und gibt ihm zu verstehen, dass er immer bei ihr sein werde. So, wie die beiden erschienen sind, verschwinden sie auch wieder. Das Mädchen ist erstaunt. Hat sie am hell lichten Tag geträumt. Was meint der Schatten, er müsse sie jetzt holen? Beklommen geht sie ihren Weg weiter.

 

Von weitem sieht sie den Sohn. Er rennt was er kann. Das Mädchen sieht die Tränen im Gesicht des Buben.Liebevoll umarmt sie ihn. „Mami....“ schluchzend: „ Mami hat die Augen zu gemacht und gibt keine Antwort mehr. Die Leute sagen sie ist gestorben.“ Wortlos gehen die beiden Kinder zum Bauernhof. In Begleitung des Engels. Das Mädchen sieht ihn. Alle andern nicht. Auf dem Bauernhof sehen sie die mitleidigen Blicke der Menschen. Die Stimmung schnürt den beiden die Kehle zu.Einige Frauen laufen geschäftig hin und her. Ein Arzt verlässt das Haus. Den beiden Kindern wird der Weg ins Haus verwehrt. Sie werden in die Küche begleitet. Keiner spricht ein Wort. Keiner gibt eine Erklärung ab. Eine Frau aus dem Dorf gibt den beiden eine warme Milch. Wie lange die beiden in der Küche verweilen, wissen sie nicht.Es wird beratschlagt was mit den beiden Kindern geschehen soll. Das Mädchen könnte man nachhhause bringen, der Bube könnte ja mit ihr gehen. Sie wären beide noch zu klein um das Geschehene zu verkraften und zu verstehen. Doch das Mädchen wehrt sich.„Ich will bei meiner Patin bleiben und der Sohn bei seiner Mutter. Sie wisse genau, das die Mutter jetzt ein anderes zuhause habe.“Die Frauen sind sehr erstaunt, dass das Mädchen solche Sachen sagt.Der Engel lächelt nur. „Wo schlafen die beiden? Wir haben keinen Platz. Das Haus ist zum bersten voll. Es hat nur noch ein Sofa in der Stube, aber da ist die Frau aufgebahrt.“„Genau dort wollen wir beide schlafen. Wir haben keine Angst vor der Patin.“ Das Mädchen hat das so voll Überzeugung gesagt, das sich niemand mehr getraut zu wieder sprechenDer Abend ist hereingebrochen. Der Vater von Bub kann sich von seiner verstorbenen Frau kaum losreisen. Die Frauen

hmen ihn behutsam an den Händen und führen ihn in die Küche. Den Kindern wird das Schlafzeug bereit gelegt. Immer wieder werden die beiden gefragt, ob das ihr Wunsch sei. Und beide haben immer heftig genickt. Es ist Nacht. Auf dem Hof ist es ruhig geworden. Ab und zu werden die Schritte vom Vater wahrgenommen. Dann wieder ein Schluchzen. Dann wieder ist es ruhig.

 

Der Sohn kuschelt sich ganz fest an das Mädchen:“Hast du wirklich keine Angst?“ Nein, wieso soll sie Angst haben? „Kommt Mami wirklich nicht mehr zu mir?“ Das Mädchen ist im Moment ratlos. Was soll sie sagen. Sie streicht dem Cousin übers Haar. Der Engel und der Schatten sind beide in der Stube. Beide können dem Mädchen keine Angst mehr einflössen. So, sitzt sie zusammen einige Zeit auf dem Sofa. Gespannt hört sie zu was der Schatten und der Engel ihr erzählen.Nach einer Zeit meint sie, dass sie ihm eine Geschichte erzählen möchte. Er nickt gespannt. „Möchtest du zu Mami hingehehn und sie ansehen wie sie schläft?“ Beide gehen an den Sarg und sehen die Frau, friedlich und sehr schön, wie sie da liegt.„Wenn Mami aber schläft kommt sie doch wider?“„Weißt du Bub, hier ist ein Engel und der hat mir folgendes erzählt. Beide setzten sich wieder auf das Sofa. „ Deine Mami hat jetzt keine Schmerzen mehr. Sie ist hat heute eine Reise angetreten. Eine Reise die sie selber gehen muss.“ „Oh, dann kann ich also mit auf diese Reise“. „Nein, mein lieber Cousin, das geht nicht. Sie darf diese Reise alleine gehen. Eines Tages, wenn sie einen schönen Ort gefunden hat, kommt sie vorbei und wird dich abholen. Das geht aber noch sehr, sehr lange.“„ Muss Mami denn, soweit laufen?“ „ Nein, sie darf fliegen. Du weißt doch das Engel fliegen können. Sie fliegt jetzt mit den Engeln in den Himmel.“ „Dann sieht sieh mich doch von weit oben?“ „Ja, mein Lieber, sie sieht dich von weit oben. Und sie wird immer lieb zudir sein. Auf dich aufpassen, dass dir nichts passiert. Du kannst immer mit ihr reden. Wenn du ganz fest zuhörst, wirst du auch hören was sie dir sagt.“ „Kann ich ihr auch winken?“ „Ja, du kannst ihr auch winken. Sie sieht das und wird dir zurück winken. Vielleicht wirst du das nicht grad so sehen. Aber du kannst es in deinem Herzen spühren. Du bist nie alleine. Und wenn du dich ganz fest anstrengst, wirst du den Engel an ihrer Seite sehen.“ „Wird sie auch ein Engel sein?“ „Lieber Cousin, wir alle werden Engel sein. Auch deine Mami.“ „Wo wird Mami denn schlafen? Und was wird sie essen?“ „ Sie schläft auf den Wolken und sie braucht nicht zu essen. Denn Engel haben keinen Hunger oder Durst.“ „Das ist gut.“ „ Sieht Papie den Engel auch?“ „Im Moment noch nicht. Er ist sehr fest traurig und durch seine Tränen kann er den Engel nicht sehen.“„ Die Frauen haben gesagt, dass morgen dieser Sarg zugemacht wird und Mami wieder zu Erde wird. Aber ich weiss, dass Mami Angst im Dunkeln hat“. „Die Frauen haben recht. Der Sarg wird mit dem Deckel dort zugemacht. Danach gehen wir auf den Friedhof und der Pfarrer wird beten. Der Körper deiner Mutter wird wirklich in ein Grab gelegt. Aber weißt du, das ist nur der Körper. Mami ist ja ein Engel und braucht diesen Körper nicht mehr. Es ist wie ein Kleid, das man wechselt. Sie hat es nicht dunkel, sondern sie ist von Licht umgeben.“ „Aber warum muss man sie dann begraben.“ „ Du gehst doch auch ins Bett, wenn du müde bist und merkst nicht wie du schläfst. Genau so müssen wir Menschen soooo lange schlafen in diesem Grab. Bis wir ein neues Kleid gefunden haben, dass uns gefällt. So lange schlafen wir in der Erde und sind bei den Engeln.“ „ Ich bin froh das Mami mich sieht und ich mit ihr reden kann. Schön, dass sie ein Engel ist. Ich freue mich bis ich auch ein Engel bin.“„Das geht noch eine lange Zeit. Wer weiss vielleicht, siehst du den Engel schon bald. Und jetzt schlafen wir noch ein wenig, denn morgen wird es sehr traurig für viele

Menschen. Wir dürfen traurig sein und weinen, aber wir beide wissen jetzt, dass es Mami sehr gut geht. Oder?“ Der Sohn nickt und beide schlafen ein.

 

Am Morgen müssen die Frauen die beiden Kinder wecken. Papa steht vor dem Sarg und weint laut um seine Frau. Die Kinder ziehen sich lautlos an und schauen sich dabei immer wieder an. Der Schatten und der Engel sind immer noch in der Stube.Jetzt kommen die Männer um den Sarg zu holen. Papa muss fast mit Gewalt weg gezerrt werden. Da reisst sich der Sohn aus der Menge und eilt zum Papa hin. Er nimmt seine Hand und sagt zum Vater: “ Papa, Mama ist jetzt ein Engel. Und sie hat es gut und keine Schmerzen mehr. Siehst du denn nicht den Engel, der mit Mama Hand in Hand weggeht. Papa du musst nicht so fest weinen, sie wird auf uns warten. Wir werden sie beide wiedersehen. Sie ist so schön. Sieh doch hin. Schau wie sie dich umarmt und dir winkt. Sei nicht traurig.“Der Sohn und das Mädchen haben den Engel gesehen. Das Herz ist jetzt nicht mehr so schwer. Und immer wieder redet der Sohn mit seiner Mutter.Jahre später steht der Schatten vor dem Sohn und die inzwischen junge Frau weiss, dass seine Mutter und sein Vater ihn jetzt zu sich holen wird. In einen Himmel voll Licht.Die junge Frau ist sehr traurig. Doch sie weiss, dass der Cousin auf sie wartet. Mit all den Engeln im Himmel.

 

 

 

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