Feuer und Rauch

Diese winterliche Nacht hat uns zusammen gebracht.

Geben wir uns die Hand und wir halten uns einander fest.

Zusammen stehen wir da, in unserer Trauer und unserem Vermissen.

 

Wir treffen hier zusammen an diesem Ort. Ungebunden von einem Gebäude.

Frei von Wänden, frei von Konfessionen. Frei, unsere Trauer, auf unsere eigene Weise ausleben zu dürfen.

 

Wir treffen uns hier, weil uns ein gleiches Schicksal verbindet, weil es dunkel ist um uns herum. Weil vielleicht dein Mann, dein Kind, dein Vater oder Mutter oder jemand der dir sehr nahe gestanden hat, nicht mehr unseren Alltag mit uns teilt.

Und doch trägt jeder für sich, seine ganz eigene Geschichte mit sich.

 

Wir treffen uns hier, weil „das Nahe sein, von dem Fernen“ zusammen und miteinander  Halt gibt. Nicht ganz alleine, in diesem Moment, dazu stehen.

 

Gehen wir heute ein Stück dieses Weges gemeinsam.

 

Wir tragen ein Licht in unserer Hand. Ein kleines Licht.

Ein Licht das immer wieder anders in Erscheinung treten kann.

Jetzt ist es in unserer Hand, eine kleine, fast unscheinbare Flamme.

 

Diese kleine Flamme kann wachsen, wenn sie genährt wird.

Je mehr ihr zugetragen wird, desto mehr wächst sie, desto kräftiger tritt sie in Erscheinung.

 

Eines ist die Flamme immer, sie ist fest in dieser Welt eingebunden und verbunden. Diese Welt hier hält sie am Leben.

Sie erhellt unsere Herzen, sie erwärmt uns unser Gemüt. Sie bringt Licht in unser Leben.

Sie verändert unsere Sichtweise.

Sie drängt den Schatten ins Abseits.

 

Genau die gleiche Flamme kann uns Schmerz zufügen.

Sie ist für unsere Hände zu heiss. Ein Lufthauch und die Angst vor der Dunkelheit kann Einzug halten.

Sie kann uns blenden, weil ihre Helligkeit, weit über unsere Sicht hinausgeht.

 

Genau so wie uns unsere Trauer schmerzt.

Genau so wie das Verlorene, unsere Augen nicht mehr erhaschen kann.

Genau so ist diese Trauer, von dieser Welt.

Wir tragen die Trauer in uns. Wir tragen die Verstorbenen in uns.

Die, die von uns Gegangen sind, sind frei. Frei von dieser Trauer.

 

Erlischt das Feuer windet sich Rauch hoch in die Lüfte.

Weiter und immer weiter, bis er für unser Auge unerreichbar wird.

Weiter ins Himmelreich, jenseits dieser Welt. Weiter und weiter.

Weiter als unsere Gedanken je reichen werden.

 

Wir stehen hier auf dem Nährboden des Feuers und sind gefangen in dieser Zeit, in diesem Raum ohne Wände.

Unsere Lieben haben sich in die Winde des Rauches gelegt und sind entschwunden.

Für unser Auge, für immer unsichtbar geworden.

Sie sind frei.

 

Wir stehen hier unter diesem freien Himmel, genau so frei sind unsere Verstorbenen.

 

In ihrer Freiheit erlauben sie uns, ihr Bild zu betrachten.

Bilder die wir aufgehängt haben oder in unserem Herzen mit uns tragen. Bilder die in unserem Inneren nie verblassen.

Vielleicht streichen wir behutsam über das Bild.

....Es ist eben nur ein Bild.

Unser Feuer wird genährt und wird zu Rauch.

 

In ihrer Freiheit erlauben sie uns, ihre Stimme in Gedanken zu hören. Zu lauschen auf die Geschichten und Gedichte, die sie uns erzählt haben. Dieses erlebte, uns manchmal auch ein Lächeln auf unser Gesicht zaubert. Die Fröhlichkeit für einen Augenblick in unser Herz eindringt.

Um danach, diesen Keim sofort wieder zu bändigen und zu ersticken. Ihn aus zu löschen. ...Es darf nicht sein.

Das Feuer lodert und der Rauch ist frei.

 

In ihrer Freiheit trösten sie uns in den Träumen. Träumen in denen sie sich zu erkennen geben, als die liebevollen Menschen von einst.

In den Nächten, wo sie ungestört monologe Gespräche mit uns führen.

Und Gesten, wie aus Geisterhand, ausgeführt werden. Erinnerungen im Dunst geweckt werden.

Bis der Traum verblasst. Ins Nichts entschwindet.

In unseren Herzen Wehmut und Trauer streut.

Das Feuer wurde entfacht und der Rauch verblasst.

 

In ihrer Freiheit geben sie sich uns zu erkennen. Auch wenn wir diese versteckten Gesten oft gar nicht wahrnehmen.

Sie geben sich zu erkennen, in den leisen Regentropfen, der plätschernd an den Boden fällt, um dann wieder der Sonne zu weichen.

Sie geben sich zu erkennen, in der Schönheit der Blumen. Die aufblüht und eines Tages welk sich der Erde übergibt.

Sie geben sich zu erkennen, genau in diesem Blatt. Das still vom Baume fällt. Den Samen für das Kommende streut.

Sie geben sich zu erkennen, in dem Regenbogen, der übers Land zieht und die Farben in unserem Herzen niederlassen.

Sie ergeben sich zu erkennen, in unserem Haus. Auf dem Stuhl, auf dem sie gesessen sind.

In dem Zimmer, wo sie geschlafen sind. In der Küche wo sie mit uns gegessen haben.

Sie geben uns die Freiheit, ihre Gesten, ihre jetzige Lebendigkeit zu spüren.

 

In einigen kurzen Augenblicken wissen wir diese Wirklichkeit wahr zu nehmen.

Diesen Augenblick ganz festzuhalten.

Für einen kurzen Wimpernschlag ist diese so nahe, scheinbare Realität zum Greifen nahe.

Um mit dem nächsten Augenschlag zu begreifen, dass die Wirklichkeit eine ganz andere ist.

 

Wir, die in dieser schmerzvollen Wirklichkeit leben und von der Nahrung des Feuers Leben, es selber nähren, wir die Lebenden sind unsicher und unfrei.

Unsicher wie unser Leben weiter gehen soll. Unfrei, gebunden an unseren Schmerz, an unser Verlangen, an unsere Sehnsucht. Das Verlangen an dessen Schulter sich anlehnen zu können.

Wir sind unbeholfen, denn alles hat, für uns, geringen bis keinen Sinn mehr, denn alles ist im Rauch zerflossen und im Feuer verloschen.

Mehr noch, die Lebenden selbst, führen uns, unbewusst Schmerzen zu. Obwohl schon genug Schmerz da ist.

Wir wissen, dass sie es gut meinen, dennoch können wir die Worte nicht mehr hören.

 

Sie blasen ins Feuer, um mehr Glut zu erzeugen. Im Unwissen, dass die Glut Wunden nicht heilen lässt.

Im Unwissen, dass keines dieser Worte für Trost, uns je erreichen werden.

Im Unwissen das diese Worte verloren gehen.

 

Die Verstorbenen sind frei.

In ihrer Freiheit gehen sie übers Meer. Hinter den Horizont. Im Irgendwo.

Sie gehen in eine neue Welt, in eine Welt mit anderem Leben.

Sie erklimmen jeden Berg, um sich frei in die Lüfte zu schwingen.

Die Verstorbenen sind frei von Schmerzen und Tränen.

Sie sind frei von Besitz. Frei von Zweifel und Verdruss.

 

Sie sind frei zu lieben: Eine Liebe die stärker ist, als alles was wir kennen.

Eine Liebe ohne Wenn und Aber. Eine Liebe die keine Grenzen kennt.

In ihrer Freiheit geben sie uns diese Liebe. Eine unbekannt neue Liebe.

Eine Liebe der nicht mit Worten genüge getan werden kann.

Eine Liebe die unsere Herzen im tiefsten Inneren berühren.

 

Wir die Lebenden sind unfrei und unsicher.

Wir selbst sind ausserstande uns selbst zu trösten.

Wir selbst fliehen vor der Trauer, die schmerzlich in uns lodert, wie ein Feuer.

 

Vielleicht kann uns das Feuer Trost spenden und der Rauch unsere Worte weiter tragen.

Weiter zu unseren Lieben.

Das Feuer wird genährt durch unsere stillen Worte.

Der Rauch ist frei diese Gedanken zu tragen.

Zu tragen in die Weite der Nacht.

Zu tragen in die Welt im Irgendwo.

Zu tragen von der Welt der Lebenden in die Welt der Toten.

 

Das Feuer in unseren Händen ist die Verbindung beider Welten.

Geben wir dem Feuer die Gelegenheit den Rauch in die Weite zu tragen.

Damit wir dem Rauch, in die Weite, nach blicken dürfen.

In die Weite, wo wir für einen Augenblick, mit unseren Lieben verweilen dürfen.

In die Weite, wo wir mit unseren Lieben verbunden sein dürfen.

In die Weite, wo wir eines Tages zusammen, Hand in Hand, entschweifen dürfen.

Irgendwann...

Irgendwo....

 

 

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