Blumen der Liebe

Manchmal muss ich still sein,

denn das ist der einzige Weg,

ein wenig besser zu verstehen,

ein wenig weiser zu denken,

ein wenig vollkommen zu werden,

Gott ein wenig früher mein

eigen zu nennen.

 

Sri Chinmoy

 

Wir sind heute an diesem Wasser, an dieser Stätte. Es soll eine Zeit der Stille sein. Dieser Ort ist nicht die Stille selbst, sondern das Rauschen der Natur.

 

Der Ort der Stille ist in uns selbst. Die Natur kennt ihre eigene Stille.

 

 

In der Natur wird geboren und geschieden.

 

Ein immer währender Werdegang.

 

 

 


Wir selbst haben erfahren, was geboren werden in uns auslösen kann.

Wir selbst sind geboren worden in dieses Leben.

Wie der Frühling in der Natur.

Wie die Natur die Samen dieser Blumen zu spriessen gebracht hat. Sie gefestigt hat mit ihren Wurzeln. Sie gefestigt mit der Mutter Erde.

Genau so sind unsere Lieben geboren worden. Sie wurden ein gefestigter Teil dieser Erde. Geboren um den Frühling zu bringen, Geboren um den Frühling zu leben.

 

Jeder auf seine eigene Weise.

Jeder in seinem Frühling.

Jeder in seiner eigenen Natur.

 

Vielleicht konnten wir diesen Menschen seit diesem Frühlingserwachen begleiten.

Vielleicht wurden wir selbst ein Teil in diesem Frühling, zu einem späteren Zeitpunkt.

 

Doch eines haben wir alle gemeinsam, wir sind ein Teil dieses Frühlings,

ein Teil dieser Erde geworden.

Ein Teil unseres Selbst.

 

Aller Anfang ist das Geborenwerden.

Aller Anfang ist sich mit dieser Erde zu verwurzeln.

Aller Anfang ist zu gleich in Freud und Leid die Hand zu reichen.

 

Schon bald steht alles in voller Blütenpracht. Die einen Blumen früher, die anderen später.

Die Blumen stehen in ihrem wunderbaren Farbenkleid und in ihrem Duft in sich selbst.

Jede Blume ein Unikat. Keine ist wie die andere, keine duftet gleich. Jede Blume steht für sich selbst und kann nicht durch eine andere ausgetauscht werden.

 

Schau die Blume in deinen Händen an, welche Kraft sie an Farben hat. Schattierungen, das Wechselspiel von hell und dunkel, Ebenheiten und Unebenheiten. Welche Intensität sie dir entgegen bringt. Was löst solch eine Schönheit aus. In dir, in uns, auf dieser Erde.

 

Genau so wie dein Inneres jetzt ist. Voll von Schattierungen.

So intensiv sind deine Gefühle selbst. Voll von Unebenheiten und Ebenheiten.

Genau so in der Intensität dieses Sommers. Der alles hergibt was er zu geben hat.

Sich voll auskostet und dem Wind, der Sonne und des Regens zum Trotz in seiner ganzen Stärke.

Wie unser Inneres.

 

Die Blume erinnert uns an den geliebten Menschen.

Der voll im Leben gestanden hat, voll in seiner Blüte des Lebens weilte.

Die einen länger, die anderen weniger.

 

Genau wie die Blume geben wir uns in die Wogen der Gefühle des Lachens, der Wut, des Weinens hin.

Genau so durften unsere Lieben die volle Pracht des Sommers in allen Facetten leben.

Die Einen länger, die Anderen weniger lang. Die Einen in dieser Art, die Anderen auf eine andere Art. Die Einen in gesundheitlicher Frische, andere in tautropfener Krankheit, andere in der Schnelle des Regengusses. Jeder wie es in der Blume des Lebens zu stehen hatte.

 

Wir jedoch, die hier stehen und unsere Blumen, die wir in der Pracht des Lebens sehen dürfen,

erleben einen Sommer voller Tränen und Wehmut. Schmerz und Sehnsucht.

Und doch stehen wir selbst in diesem Sommer. Jedoch hat diese Jahreszeit für uns eine ganz andere Bedeutung eingenommen. Eine Bedeutung die sehr schwer zu ertragen ist.

 

Die Mitte des Lebens ist die volle Entfaltung.

Die Mitte des Lebens ist voller Kraft.

Die Mitte des Lebens ist die Woge der Gefühle.

Wo immer für diesen Menschen die Mitte war.

 

Oh- Stille-Blumen lächelt:

meine inneren Augen sind bereit.

Oh Stille-Sterne, tanzt;

mein inneres Herz ist bereit.

Oh Stille-Himmel, komm;

mein innerer Körper ist bereit.

Sri Chinmoy

 

 

Bald werden die Tage kürzer. Die Natur gibt nochmals alles was sie an Kraft besitzt.

Die Farben sind von unglaublicher Schönheit. Die Welt der Düfte entfaltet sich in vollem Genuss.

Doch der Schein mag nicht trügen, dass der Tag schneller den Abend küsst. Die Nächte fallen schwer auf die Erde. Nur die Sterne durchbrechen die aufkommende Einsamkeit.

Die lauen Winde des Tages werden mit der Nachtkälte umschlungen.

Die Blätter fallen. Sie fallen weit herab, so als wären sie im Himmelsgarten.

Unsere Blumen verändern sich. Die Farben wechseln. Sie sind bereit für die letzten Tage ihres Daseins.

Jede Blume zeigt auf ihre Weise ihr Noch-Dasein. Die Einen gehen unmerklich und langsam. Die Anderen treten kraftvolle entgegen und strotzen in ihrer letzten Schönheit. Die Andern treten plötzlich weg ohne sich umzusehen wer sie noch pflücken könnte.

Es erinnert uns zu sehr an unsere Lieben, die wir gehen lassen mussten oder durften.

Die Einen sind noch kraftvoll im Leben gestanden und haben sich plötzlich in die andere Welt begeben.

Andere die dem Leben die Hand gereicht haben, um mit ihm ein Bündnis für die Ewigkeit zu schliessen.

Wieder andere die langsam die Stufen, in Richtung Nicht-mehr-sein, angetreten haben.

 

Doch alle haben sie etwas Gemeinsames. Sie hinterlassen Früchte aus ihrem Leben.

Früchte und Spuren. Keiner ist einfach so gegangen. Jeder hat etwas in unseren Herzen zurück gelassen. Die Einen mehr, die Anderen weniger.

Doch alle haben sie unsere Herzen zu tiefst berührt. Die ganze Kraft des Herbstes hier gelassen. Die Wellen der Gefühle uns gezeigt.

Uns in der Wärme des Tages noch fest umschlungen, doch bereits in den Nebelschwaden der Dämmerung gehüllt. Fröstelnd und zitternd uns da gelassen in diesem Wechselbad des Herbstes.

Sie sind von uns gegangen wie die Blätter den Baum verlassen. Einerseits still und leise. Andererseits mit dem Herbstwind schnell und abrupt.

Alle haben etwas Gemeinsames: sie sind nicht mehr unter uns.

 

Der Abend ist eingebrochen.

Der Abend ist dunkel und schwer.

Der Abend verbirgt die Hoffnung auf den Tag.

 

Der Schnee hat diese Erde verschlungen. Eingetaucht in Watte.

Doch unter dem weichen Etwas lauern das Eis und die Gefahr.

 

Die Stille mag über die Launen der Natur nicht hinweg zu täuschen. Kalte Winde pfeifen um die Stille wieder willkommen zu heissen. Klirrende Kälte macht sich breit, um die Herzen wieder erwärmen zu müssen. Trostloses Grau umhüllt die Landschaft, um sich in unseren Herzen niederzuschlagen. Nebelschwaden lähmen unser Dasein.

Eisig und fest wird diese Stille festgehalten.

 

 

 

Die Stille hält Einzug. In Watte gepackt, in weiss gehüllt. In dieser Stille kann keine Blume aufsteigen und sich entfalten. Es lässt sich nur erahnen - in unseren Erinnerungen -wo genau sie geblüht und sich entfaltet hat. In unseren Erinnerungen an unseren geliebten Menschen, wird alles um uns herum still und die Gedanken an gemeinsame Zeiten lassen uns in unserem Herzen weich und warm werden. Alles eingepackt in ein geborgenes Etwas.

Unser Blick erhascht die weisse Landschaft und sucht vergebens in der Weite das fehlende Leben.

Unsere Hände umfassen den weissen Schnee der sich so kalt wie unser Herz anfühlt.

Der Winter hat unsere Gefühle und unsere Emotionen eingehüllt, in unserem Inneren.

 

Dennoch verirrt sich hin und wieder ein Sonnenstrahl in diese trübe Zeit. Ein Sonnenschein, der für einen ganz kurzen Moment unser Herz erhellen lässt. Um gleich wieder den Wolken und der Kälte ihren Platz zu geben.

Manchmal erhascht unser Gesicht ein Lächeln. Ein Lächeln an vergangene Zeiten mit unserem lieben Menschen.

Um danach wieder der Düsterheit des Tages Platz zu geben, die nach aussen dringen will.

Unsere Blume ist nicht mehr. Auch wenn wir sie immer wieder suchen, sie ist für immer aus unserem Blickfeld, aus unserem Leben entschwunden.

 

Zurückgeblieben sind die Erinnerungen an den Sommer und den Herbst.

Zurückgeblieben sind der Schmerz und die Liebe.

Zurückgeblieben ist die Hoffnung, dass es wieder Frühling werden kann. Vielleicht hier, vielleicht anderswo.

 

Ganz ganz tief, in einer ganz winzig kleinen Ecke wissen wir, dass es wieder Frühling und Sommer sein darf. Genauso wissen wir, dass dieser Frühling und dieser Sommer dann nicht mehr so sein werden wie die Vergangenen. Der Frühling wird anders blühen, der Sommer wird sich anders entfalten.

Doch jetzt ist Winter und dieser darf so sein, wie er ist.

 

Nimm deine Blume und schicke sie auf die Reise durch die Jahreszeiten. In die Elemente dieser Erde. Lass sie in dem Rauschen des Wassers eintauchen. Eintauchen in eine andere Welt an einem anderen Ort.

Eintauchen und uns erinnern an den Menschen, den wir geliebt haben und immer weiter lieben werden. Und dies uns so gewiss ist wie die Spuren im Schnee.

Die Spuren der Liebe.

 

Übergib deine Blume diesem Rauschen. Übergib sie auf die Reise ins irgendwo.

Übergib Sie und lasse ihr ihren eigenen Weg dahin finden. Egal wie dieser aussieht.

Es ist die Blume für den lieben Menschen, dem wir alle Jahreszeiten, alle Lebensphasen schenken wollen.

Vertraue darauf, dass sie ihren Weg finden wird. Wenn nicht jetzt, dann irgendwann. Genau so wie du selbst.

 

Wir sind heute an diesem Wasser, an dieser Stätte. Es soll eine Zeit der Stille sein. Dieser Ort ist nicht die Stille selbst, sondern das Rauschen der Natur.

Der Ort der Stille ist in uns selbst. Die Natur kennt ihre eigene Stille.

 

Die Nacht ist eingebrochen.

Die Nacht ist unser Schutz und verschlingt dennoch alles.

Die Nacht, sie bringt irgendwann einen neuen Tag.

 

 

Beruhigende Stille braucht mein Körper.

Aufstrebende Stille braucht mein Verstand.

Erleuchtende Stille braucht mein Herz.

Erfüllende Stille braucht meine Seele.

Sri Chinmoy

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