Eine Note macht eine Melodie (Fürstenwald)

Man stelle sich ein Lied vor, das viele viele Töne hat. Das Lied ist wunderschön, weil jeder dieser

Töne da ist und seinen Beitrag zur Melodie leistet. Manche Töne sind ganz kurz, andere ganz lang und dann gibt es noch welche, die sind dazwischen mittellang.

 

Plötzlich geschah etwas Unerwartetes mit dem Lied: jemand lässt einen einzigen Ton herausfallen. Plötzlich klingt die ganze Melodie anders. Es fehlt ein Ton und die anderen Töne, die auf ein Zusammenspiel mit ihm abgestimmt sind, müssen sich an die leere Stelle in der Notenzeile gewöhnen.

 

Immer wieder, lange Zeit wird das Lied dann ohne diesen bestimmten Ton gespielt - es gibt auch keinen Ersatz für diesen Ton, denn man kann einen Ton nicht einfach so ersetzen. An seiner Stelle steht einfach nichts.

 

Die anderen Töne finden es komisch, dass dieser Platz von nun an leer sein soll und sie entscheiden sich dazu, dem verlorenen Ton ein Denkmal zu setzen.

Sie setzen ein Pausenzeichen, um zu erinnern, dass an diesem Platz einmal ein besonderer Ton sass.

 

Nach einer Zeit wird auch dieses Lied zu einem gern gehörten Lied. Es ist zwar anders als das Lied vorher war, aber auch die Melodie dieses Liedes klang nach einiger Zeit, als man sich mit der ungewohnten Pause etwas vertrauter gemacht hatte, wunderschön- aber eben ganz anders. (Kerstin Müller)

 

Flötenspiel

 

Ein Mensch, den wir sehr geliebt haben in unserem Leben, hat uns eine geraume Zeit begleitet. Für die einen von uns dauerte diese Begleitung ein Leben lang. Für die anderen von uns eine gewisse Zeit lang. Doch ungeachtet der Zeit, waren diese Augenblicke mit diesem Menschen wunderschön.

 

In dieser unsagbaren Schönheit erlebten wir Höhen und Tiefen. In dieser tiefen Zweisamkeit durften wir die Vielfallt der Emotionen kennen lernen. Die einen Reaktionen waren leichter und beschwingter zu tragen, die anderen eher schwieriger und lauter. Genau in alle diesen Gefühlen konnte diese Liebe bestehen.

Mehr noch, die Liebe hatte an Intensität gewonnen.

Vielleicht war dieses intensive Etwas nicht sofort spürbar, doch auf die Zeit hin wurde die Liebe merklich oder unmerklich gestärkt.

 

Sie ist an jedem Schicksal, ob es traurig oder lustig war, gewachsen. Minute für Minute, Stunde für Stunde, Tag für Tag.

 

Manche Tage schienen uns viel zu kurz. Die Sonne lachte über das Glücklich sein. Über das Miteinander in dieser kurzen und doch so prickelnden Zeit. Am liebsten hätte man die Zeit angehalten. Die Minuten schienen nur so dahin zu fliegen. Eine reine Sinfonie der Liebe mit lieblichen, feinen Klängen. Wie der zarte Flügelschlag eines Engels.

 

Wiederum andere Tage dauerten eine Ewigkeit in dieser schwierigen Zweisamkeit. Momente des Nicht-enden-Wollens, weil es träge und traurig wurde. Die Minuten klebten an uns ohne sich merklich zu bewegen. Die unerträglichen Minuten wurden zu zähfliessenden Stunden. Wie der Donnerschlag der Trommel, der leise aufwirbelt und geballt um sich schlägt. Schlag für Schlag immer lauter wird, kaum zum Aushalten. Bis zum abfliessenden, zum unruhigen Grollen zu verhallen.

 

Dann gab es die ganz durchschnittlichen Tage, die durchzogen waren von der Gewohnheit. Die ruhig und gemächlich dahin trieben, wie ein seichter Fluss. Tage die nicht weiter beachtet wurden. Das Leben in seinem gewohnheitsmässigen Verlauf trottend. Es waren Zeiten in denen jeder auf seine Art wachsen konnten. Es waren Zeiten, da jeder sein eigenes ich in sich begrenzen durfte. Es waren Zeiten des einfachen Seins.

Die Minuten nahmen genau den Verlauf den sie brauchten. Nicht mehr und nicht weniger. So wie eine begleitende feine Hintergrundmusik, die unsere Ohren lieblich umspielte. Die uns im Moment des Seins hielt und uns zu tragen vermochte. Die Melodien, die im gewohnten Einklang immer wieder etwas wechselten und beruhigend die Töne spielen liessen.

 

Und dann geschah das Unvermeidliche. Vielleicht riss der Paukenschlag plötzlich jemanden aus dem Leben. Vielleicht spielte die Flöte langsam und gemächlich das Lebenslied zu Ende.

Doch jeder Klang, jeder Schlag ist immer viel zu früh. Ungeachtet der Dauer dieses Liedes. Ungeachtet der kurzen Intensität, ungeachtet des langen, dauernden Prozesses.

 

Egal wie, plötzlich fehlte die gewohnte, liebliche Melodie in unserem Leben.

Plötzlich hörten wir keine Sinfonie, keinen Trommelwirbel und keine Hintergrundmusik mehr. Plötzlich war alles stumm und schwer in uns und um uns herum. Die vertrauten Töne waren für immer verstummt.

Tränen, Schmerz und Sehnsucht wurden abgelöst von der Musik des Lebens und es wurden plötzlich Noten der Trauer.

Die Minuten dehnten sich aus und wollten nicht enden. Die Zeit hat keinen Begriff mehr. Ein Raum ist nicht mehr vorhanden.

 

Der Gesang der Vergangenheit verwandelt sich in ein träges Summen im Jetzt. Die Noten bleiben schwarz und stumm.

Jeder Tag bringt diese unerträgliche Stille, unsagbare Leere, den tiefen Schmerz und die unerfüllte Sehnsucht mit sich. Die Stille hat sich im Aussen tief ausgebreitet und die unruhige, die wortlose Leere umhüllt unser ganzes Inneres, wie die schwarze Farbe die Noten ausfüllt.

 

Flötenspiel

 

Plötzlich ist es, wie wenn alle Noten verschwunden wären und nichts mehr da ist, als die geraden Linien ohne die Strukturen die nicht mehr sind. Die Linien, die einzig und allein der Notenschlüssel zusammenhält.

Dieser Notenschlüssel, der die einzige Verbindung ist. Die Verbindung zu den verschiedenen.

 

Tönen der Emotionen in uns. Töne die wir wegwischen möchten und alles ungeschehen und ungehört werden lassen möchten. Töne die ihre Harmonie verloren haben und leer, ohne Melodie dastehen.

 

Wir erkennen schmerzlich was uns jetzt fehlt. Welche Lücke dieser Mensch hinterlässt. Welche Melodie nicht mehr ist. Etwas Wichtiges, Liebgewonnenes fehlt in unserem Leben. Die Gedanken an diesen Menschen können die Lücken im Hier und Jetzt nicht füllen, denn eine Umarmung, ein Liebkosung und Berührungen können mit Gedanken nicht gefüllt werden. Sie bleiben unerwidert, wo sie sind.

Das Orchester ist verstummt. Die Töne verblasst. Das Lied ist nicht mehr.

 

Doch eine Note ist leise und intensiv gleich geblieben. Es sind Gedanken und Erinnerungen ein unverzichtbarer Halt.

Sie hält unsere Liebe aufrecht und erweckt ein nie gekanntes Leben, ohne diese Person. Ein Leben voller Erinnerungen.

Ein Leben mit viel Entbehrungen, jedoch Erinnerungen, die ein Lächeln in unser Gesicht zaubern können von vergangenen Geschichten. Geschichten die uns bezaubern und für einen Moment die Melodie wieder zum Leben erwecken.

Erinnerungen, die Tränen aufkommen lassen. Tränen, weil sie nun in die Vergangenheit getreten sind. Unwiderruflich still.

 

Beim genauen hinhören werden leise, kaum hörbare Töne immer wieder, ganz, ganz zaghaft geweckt. Töne die wir so in dieser Art nie kennen lernen durften, werden leise auftauchen und gehört. Kurz und doch intensiv. Manchmal lauter, manchmal leiser, manchmal bleiben sie verstummt.

 

Diese gewohnheitsmässigen Töne bleiben jedoch verstummt. In dieser Stille werden wir erinnert, welchen Platz unsere liebe Person eingenommen hat. Wieviel besser das Leben mit dem Menschen gewesen ist. Wieviel Vielfalt es mit diesem Menschen zu leben gab.

Ruhige und sanfte Klänge dazwischen lagen. Doch auch raue und laute Töne mitzuschwingen wagten. All das hat das Leben, mit dem lieben Menschen, bereichert. Alle diese Töne haben eine wundersame Melodie hervorgebracht. Eine ganz eigene Dynamik einer Melodie. Jeder Mensch als eigener Komponist und Schreiber

Seine eigene Melodie des Lebens. Die Melodie genau für diesen Menschen geschrieben. Die Melodie der Liebe und des Lebens.

 

Unser Leben ist ein anderes geworden. Die Melodie, das Lied wird nie mehr die gleiche sein. Sie wird nie mehr diese Sanftheit, diese Wucht und diese Harmonie und diesen Zauber ausdrücken können.

Unser neues Leben wird ein ganz neues Lied komponieren müssen.

Ein Lied ohne diesen Menschen und seinen Klang im Hier und Jetzt. Doch eine Sinfonie mit der Liebe, die in uns bleibt. Klänge die miteinander verbunden sind zu einem wunderbaren Lied.

Ein Lied, das zu seinem eigenen Leben erwacht. Mit seinen eigenen Instrumenten. Eine Melodie, die mit allen ihren Noten, wieder einen Platz erhalten darf. Eine Melodie die ganz neu komponiert werden darf.

 

Wir geben diesen Klängen neue Gefühle, neue Emotionen. Liebe, Sehnsucht und Hoffnung die sich wieder neu zusammenfügen.

Es werden Klänge der Verbundenheit, des Alleinseins, der Sehnsucht, der Trauer und der unendlichen Liebe. Doch auch Klänge eines Neuen Daseins. Klänge, die um die Welt gehen können im Aussen, wie im Innen.

 

Es wird eine Melodie der Verbundenheit, denn der Notenschlüssel hat die Welten zusammen gehalten. Er hat sie zusammengeführt, mehr noch, er hat sie verbunden. Verbunden für ein ganzes irdisches Leben. Verbunden für eine ganze Ewigkeit, wo immer diese sein wird.

Halten wir in dieser neuen Melodie die unsichtbare Hand unserer Lieben. Die Hand, die unsere Liebe, aufrechterhält. Die Hand die uns die Gewissheit gibt, sie wieder einmal greifen zu dürfen.

Nicht hier, sondern dann wenn es Zeit ist, unsere ganz eignen Note aus unserem Lebenslied zu nehmen.

 

Flötenspiel

 

Weil deine Augen so voller Trauer sind,

und deine Stirn so schwer ist von Gedanken,

lass mich trösten, so wie man ein Kind in Schlaf einsingt, wenn letzte Sterne sanken.

 

Die Sonne ruf ich an, das Meer, den Wind,

dir ihren hellsten Sonnentag zu schenken,

den schönsten Traum auf dich herabzusenken,

weil deine Nächte so voll Wolken sind.

 

Und wenn dein Mund ein neues Lied beginnt,

dann will ich Meer und Wind und Sonne danken,

weil deine Augen so voll Trauer sind,

und deine Stirn so schwer ist von Gedanken.... (Mascha Kaleko)

 

So nehmen wir heute Abend unsere ganz eigene Melodie nach Hause.

Vielleicht hat dieses Lied eine neue Formation erhalten.

Lass dein Herz dieses Lied komponieren. Nimm das Licht in dir mit nach Hause und gehen wir den stillen Weg in unseren Alltag zurück. Mit einer Melodie, mit eigenen Noten und anderen Tönen.

Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    Vania Serra (Sonntag, 05 Februar 2017 08:16)


    I just like the helpful info you supply on your articles. I'll bookmark your blog and check once more here frequently. I am reasonably sure I will be told lots of new stuff proper right here! Good luck for the following!