
Die Geschichte des Trauerkrügleins
Es war einmal eine Mutter und ein Kind, und die Mutter hatte ihr Kind, ihr einziges, lieb von ganzem Herzen und konnte ohne das Kind nicht leben und sein. Aber da sandte der Herr eine große Krankheit, die wütete unter den Kindern und erfasste auch jenes Kind, dass es zum Tode erkrankte. Drei Tage und drei Nächte wachte, weinte und betete die Mutter bei ihrem geliebten Kind, aber es starb. Da erfasste die Mutter, die nun allein war auf der ganzen Gotteserde, ein gewaltiger und namenloser Schmerz, und sie aß nicht und trank nicht und weinte, weinte wieder drei Tage lang und drei Nächte lang ohne Aufhören, und rief nach ihrem Kind.
Wie sie nun so voll tiefen Leides in der dritten Nacht saß, an der Stelle, wo ihr Kind gestorben war, tränenmüde und schmerzensmatt bis zur Ohnmacht, da ging leise die Tür auf, und die Mutter schrak
zusammen, denn vor ihr stand ihr gestorbenes Kind. Es trug in seinen Händchen ein Krüglein, das war schier übervoll. Und das Kind sprach: Liebe Mutter, weine nicht mehr um mich! Schau, in diesem Krüglein sind deine Tränen, die du um mich vergossen hast. Der Engel der Trauer hat sie in dieses Gefäß gesammelt. Wenn du nur noch eine Träne um mich weinst, so wird das Krüglein überfließen, und ich werde dann keine Ruhe haben im Grab und keine Seligkeit im Himmel. Darum, liebe Mutter, weine nicht mehr um dein Kind, denn dein Kind ist wohl aufgehoben.
Damit verschwand das tote Kind, und die Mutter weinte hinfort keine Träne mehr, um des Kindes Grabesruhe und den Himmelsfrieden nicht zu stören.
Der Verlust eines Kindes gehört zu den schmerzhaftesten Kapiteln der Trauerkultur in einer Familie. Das Märchen beschreibt den Vorgang des Ruhefindens und setzt die Welt der Lebenden mit der Welt der Toten in Korrelation zeigt, wie beide aufeinander angewiesen sind. Im Spiegel des Märchens erkennen wird, die Toten können nur dann ihren Platz und ihren Frieden finden, wenn wir uns wieder ganz dem Leben zuwenden.
Ich komme zum Schluss. Trauerkultur in der Familie. Was bleibt am Ende? Einen Platz finden. Darum geht es. Aber auch darum, einen Platz zugeteilt bekommen. Auf dem Friedhof für alle sichtbar einen Platz haben, das ist das Anrecht der Verstorbenen. Und gleichzeitig seinen Platz eingeräumt bekommen im Herzen der Angehörigen. Während der Trauerzeit haben sich neue Innenräume gebildet, in denen das Vergangene als Erinnerung allmählich Platz gefunden hat. Eine zunehmende Distanz macht es nun möglich, dass das Geschehen des Verlustes aus dem Zentrum des Erlebens wegrückt und Platz macht für Neues. Darum geht es, einen neuen Ort finden, um einen alten Platz aufgeben zu können. Trauerkultur in der Familie folgt diesem Weg.
Einerseits kehrt die Familie in ihre alte Lebensweise zurück und andererseits stellt sie fest, es ist nicht mehr so, wie es einmal war. Eine Metamorphose hat stattgefunden. Mit der Erfahrung des Todes im Rucksack ihres Lebens schauen alle die Welt mit anderen Augen an. Sie wissen um das Leid und die Endlichkeit und treten nun in ein neues Land, entdecken dort wieder die Freude, die tiefer geht als das Leid.
